Interview mit Amelie Marie Weber vom Focus Magazin

Amelie Marie Weber

Interview mit Amelie Marie Weber vom Focus Magazin

Heute bei mir im Influently Interview, Focus Magazin Journalistin Amelie Marie Weber.

Amelie Marie Weber ist Journalistin, lebt in Berlin und arbeitet seit 1 ½ Jahren hauptsächlich für Focus Magazin, also den Burda Verlag, aber auch für die Funke Mediengruppe. Davor war sie beim Radio tätig. Amelie beschäftigt sich in ihrer Arbeit sehr viel mit Social Media, mit Influencern und mit Phänomenen, die die ganze Gesellschaft betreffen und die im Social Media Bereich entstehen. Sie hat bereits vor etwa 9 Jahren mit 15 Jahren neben der Schule angefangen, sich mit diesen Themen intensiver auseinanderzusetzen.

Heute haben wir unter anderem die spannenden Themen Social Media Sucht und das Phänomen der Mami Bloggerin.

Ist der Beruf des Journalisten heute noch beliebt?

Es ist nicht mehr so ein Traumjob, wie es früher war. Aber eine richtig gute Ausbildung zu bekommen und zu einem großen Namen zu kommen, ist immer noch schwer. Man muss sich an Journalistenschulen oder zu einem Volontariat bewerben und mehrtägige Auswahlverfahren machen. Es gibt noch Bewerber, aber die Beliebtheit des Berufs nimmt tatsächlich aus verschiedenen Gründen ab.

Wir sind tagtäglich in Social Media unterwegs, auf YouTube, Facebook, Instagram usw.

Du hast über Social Media Sucht geschrieben. Was hat Dich dazu gebracht?

Ich habe das Buch „Unfollow“ von Nena Schink gelesen und wollte es eigentlich nur rezensieren. Aber dann ist daraus eine Selbstreflexion geworden. Ich habe mir Gedanken zu meinem eigenen Social Media Konsum gemacht. Nena Schink und ich haben eine Gemeinsamkeit, wir sind beide süchtig nach Instagram. Man kann bei Instagram sehr gut sehen, wie viel Zeit man dort verbringt. Bei mir sind es täglich 2 Stunden auf Instagram, das sind 672 Stunden im Jahr, 28 Tage, ein ganzer Monat. Das hat mich geschockt. Ich weiß, ich bin damit nicht alleine. Einige meiner Bekannten haben ein ganz ähnliches Nutzungsverhalten. Ich glaube, unsere Generation ist Instagram süchtig.

Ich mache es ganz bewusst so, dass ich im Urlaub mein Handy zu Hause lasse. Dann habe ich ein, zwei Wochen kein Handy. Es geht mir gut damit. Aber sobald ich zurück im Alltag bin, bin ich wieder viel am Handy. Obwohl ich weiß, dass es mir nicht gut tut, mache ich es und habe es nicht richtig unter Kontrolle und gucke eben doch immer wieder drauf. Das wollte ich einfach mal so aussprechen, weil es ein interessantes Phänomen ist und weil es so viele betrifft und noch nicht so richtig anerkannt ist. Der Bericht, den ich über Social Media Sucht geschrieben habe, ist im Januar/Februar erschienen.

Siehst Du es als Teil Deiner Arbeit an, Dich mit Instagram intensiv zu beschäftigen?

Das ist das Schlimme, ich habe immer eine Ausrede. Ich nutze Instagram für die Arbeit, verbreite meine Texte, knüpfe Kontakte und lasse mich inspirieren. Ich will mich auf dem Laufenden halten, weil es ja mein Thema ist. Natürlich bekomme ich super Feedback, meine Community sind so 3.000 Menschen, die mir oft schreiben. Das ist natürlich toll. Wer schreibt heute noch Leserbriefe? Du schreibst Texte, steckst viel Herzblut rein und es kommt nichts zurück. Über Social Media kommen Nachrichten und das ist ein Vorteil, auf den ich nicht verzichten möchte und der Grund, warum ich da so viel mache. Aber mache ich es wirklich gerade für den Job? Oder chille ich gerade auf Social Media? Wo ist die Grenze?

Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung, wenn man beruflich mit Social Media arbeitet, es aber auch privat nutzt, diese Grenze zu ziehen.

Meiner Ansicht nach, wenn man wirklich loskommen möchte, muss man Social Media löschen. Ich versuche, die Zeit einzuschränken. Das ist aber als Journalistin ganz schön schwierig. Ich nutze es natürlich beruflich bedingt. Ich muss mitbekommen, was da abgeht, wenn ich über etwas schreibe. Grenzen zu ziehen, ist da natürlich schwer. Ich sehe für mich mehr Vorteile als Nachteile und es macht mir auch Spaß.

Was würdest Du Leuten raten, die alle drei Minuten auf Handy schauen, was bei Instagram los ist oder ob sich ihre Reichweite erhöht hat?

Im Buch von Nena Schink „Unfollow“ gibt sie einige Anregungen. Zum Beispiel, bringen die Accounts, denen ich folge, mir einen Mehrwert? Ich folge anderen, die über Politik schreiben, weil mich das interessiert und ich folge vielen anderen Journalisten, natürlich auch meinen Freunden. Das ist der tolle Vorteil an Social Media, den Kontakt mit Freunden aus aller Welt zu halten. Alle anderen sollte man aussortieren. Und einfach mal das Handy weglassen, bewusste Auszeiten nehmen. Die Nutzungszeit generell einschränken.

Was konsumierst Du selbst auf Instagram? Feed Beiträge oder eher Stories?

Ich schaue natürlich bei anderen in den Feed oder in die Posts. IGTV schaue ich so gut wie nie. Aber die meiste Zeit verbringe ich mit meinem eigenen Profil. Eigene Stories erstellen, Posts überlegen, auf Nachrichten antworten, also Community Management. Dafür nehme ich mir ganz viel Zeit. Dieser Austausch, die Interaktion ist sehr wichtig für mich. Und ich schreibe jeden Tag eine Story, das frisst die meiste Zeit.

Amelie, siehst Du Dich als Influencerin?

Nein, ich Journalistin. Ich verdiene kein Geld mit Social Media. Ich habe nur etwa 3.000 Follower und die versuche ich natürlich zu unterhalten und Social Media für mich als Journalistin zu nutzen. Andererseits bedeutet Influencer ja Beeinflusser. Journalisten beeinflussen ja auch die Meinung, also irgendwie bin ich auch ein Influencer.

Du hast Dich viel mit Bloggern und Influencern beschäftigt. Was sind für Dich Influencer?

Der Hauptaspekt für mich ist, dass sie damit Geld verdienen. Klassische Medien erreichen die jungen Leute nicht mehr. Man muss ganz klar anerkennen, dass Influencer, die ihren Job gut machen, verstanden haben, wie man Leute erreicht. Das haben klassische Medien vielleicht zum Teil verlernt. Auf der anderen Seite können Influencer aber auch von Journalisten lernen. Wir haben gelernt, sauber zu recherchieren, Fakten ordentlich aufzubereiten und keine Panik zu verbreiten. Zumindest die guten Journalisten. Influencer tragen eine große Verantwortung, weil sie mit ihrem Content Hunderttausende erreichen, dessen sind sie sich nicht immer bewusst.

Siehst Du es als Deine Aufgabe an, Aufklärungsarbeit zu leisten in Sachen Social Media Sucht und die Verantwortung von Social Media?

Auf jeden Fall, das versuche ich auf meinem Instagram Kanal und mit meinen Texten. Ich gehöre eher zu den Jüngeren in der Redaktion und habe den Vorteil, dass ich mich schon sehr lange in meiner Freizeit mit Social Media beschäftige und mitbekomme, was da abgeht. Ich habe Medien- und Kommunikationswissenschaften bei einem Professor studiert, der sich sehr viel mit Social Media und dem Handy Phänomen beschäftigt hat. Von daher würde ich sagen, habe ich eine gewisse Expertise im Vergleich zu anderen. Manchmal schreiben Leute über diese Themen, die gar nicht einschätzen können, welchen Einfluss Influencer auf andere Menschen haben, egal ob Werbung oder Meinungsmache. Fake News sind auch kein Witz, sie sind gefährlich. Da muss man auf Influencerseite noch mehr aufpassen und lieber sagen, geht zum Beispiel auf Tagesschau.de und holt Euch dort Informationen. Sie sollten nicht versuchen, ein Nachrichtenportal zu sein. In einer Redaktion arbeiten zum Teil 1.000 Leute. Niemand erwartet vom Influencer, dass er diese Recherchearbeit leisten kann. Das bringt Probleme und das Vertrauen in die Influencer schwindet. Mehr Grund für Medien, negativ zu berichten. Mir ist es wichtig, darauf aufmerksam zu machen und ich glaube, ich kann einen Beitrag dazu leisten.

Wie können wir die jüngeren, eher unerfahrenen Influencer erreichten, um Aufklärungsarbeit zu leisten?

Der Beitrag, den ich leisten kann, ich habe darüber einen Text geschrieben und mit einer Freundin, die so 20.000 Follower hat und da engagiert ist, ein Videoformat gemacht. Wie informiert man sich richtig? Wie kann man sicherstellen, dass die Fakten richtig sind? Im Internet sind so viele Quellen, da ist man schnell überfordert. Ich habe als Journalistin gelernt, die richtigen von den falschen zu unterscheiden. Genau das ist wichtig. Medienkompetenz ist schon in der Schule und im Elternhaus wichtig. Das ist eine Veränderung, die meiner Meinung nach stattfinden muss, weil es so ein wichtiges Thema ist.

Hast Du auch versucht, größere Influencer zu erreichen und ihnen das Thema näherzubringen?

Das ist teilweise sehr schwierig. Nach meiner Erfahrung gehen viele davon aus, dass durchweg positiv über sie berichtet wird. Das ist verständlich. Als Privatperson möchte ich auch nicht gerne kritisiert werden. Ein Politiker nicht, ein Unternehmen nicht. Aber sobald man in der Öffentlichkeit steht, muss man sich dessen bewusst sein, dass ich positive aber auch negative Kritik bekommen kann. Das ist Presse- und Meinungsfreiheit. Ich habe auch schon sehr positiv über Influencer geschrieben, die einen guten Job machen. Ich kann mir vorstellen, dass da viel Arbeit drin steckt und davor ziehe ich meinen Hut. Aber man muss auch mal Dinge kritisch sehen können und da würde ich mir wünschen, dass Influencer das einsehen. Sie sind Personen des öffentlichen Lebens und werden dementsprechend behandelt.

Dein Fachbeitrag über die Mami Bloggerin und Verantwortung in den sozialen Medien. Was hat Dich dazu gebracht, diesen Beitrag zu schreiben?

Ich lasse mich immer auch von Social Media inspirieren. Wenn mir ein Phänomen auffällt, was ich seltsam finde, schreibe ich darüber. In diesem Fall war es so, dass in meinem Bekanntenkreis einige Mamas alles von ihren Kindern geteilt haben. Wirklich alles, auf dem Töpfchen und im Planschbecken. Ich hatte immer das Gefühl, ich müsste diese Kinder beschützen, weil ich mich eben mit Social Media auskenne und weil ich durch mein Studium weiß, was die Schattenseiten sind. Was es bedeutet, wenn die ganze Privatsphäre schon als kleines Kind im Netz landet und der Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Ich habe ich mir das genauer angeschaut. Was gibt es für Influencerinnen, was machen sie da und wie viel Geld machen die damit. Ich habe das in der Redaktion angesprochen, denn jeder hat ja Bekannte, die ihre Kinder ins Netz gestellt haben. Jeder hatte eine Meinung dazu. Da war klar, das Thema ist polarisierend, da machen sich viele Leute Gedanken drüber. Dann habe ich angefangen zu recherchieren und den Fachbeitrag zu schreiben.

Wie lange arbeitest Du an einem Fachbeitrag?

An dem Beitrag über die Mami Bloggerin habe ich lange gearbeitet. Die Idee kam mir im Frühjahr, im späten Herbst ist er erschienen. Dazwischen schreibt man natürlich noch andere Dinge. Aber für diesen Beitrag habe ich ganz viele Hintergrundgespräche geführt, aus denen ich dann gar nicht zitiert habe. Ich habe mit Influencer gesprochen, auch aus der Mami Influencer Szene, die mir einige Insights gegeben haben. Ich habe mit Kriminologen und mit Gegnern gesprochen. Eine Kollegin hat mich unterstützt und auch noch Interviews geführt. Und ich habe natürlich auch mit einer der großen Mami Influencerinnen selbst gesprochen. Sie ist im Beitrag namentlich erwähnt und hat sich für das Interview zur Verfügung gestellt.

Was hast Du von den Mami Influencern geschrieben?

In dem Beitrag habe ich mehrere Beispiele von Mama Influencerinnen gebracht, welche Szenen sie ins Netz stellen. Von der Geburt, über das Stillen bis zum ins Bett bringen, alles mögliche wird gepostet. Und ich habe geschrieben, wie viel Geld damit ungefähr verdient wird. Aus verschiedenen Gründen sehen Kriminologen und Psychologen es sehr kritisch, wenn diese Bilder der Kinder im Netz landen. Pädophilie ist ein riesen, riesen Thema, das unterschätzt wird. Für Pädophile ist Social Media das reinste Paradies. Die Mamas geben ihnen freiwillig Fotos von ihrem Kind. Ich weiß, dass Mamas das nicht auf dem Schirm haben oder ausblenden, weil sie so besessen davon sind ihre Kinder zu zeigen. Sie sind so stolz auf sie. Das verstehe ich, aber es dafür in Gefahr zu bringen, sehe ich kritisch. Und wenn man damit auch noch super viel Geld verdienen kann … einfach ein schwieriges Thema. Ich habe für meinen Beitrag zum Teil von Müttern, Bekanntenkreis oder Influencer, die das selbst machen, negative Kritik bekommen. Große Influencer haben mich blockiert. Aber damit muss man leben. Ich stehe hinter dem, was ich geschrieben habe und würde es wieder tun. Der erwachsene Mensch kann von sich posten was er will. Aber ein Kind hat keinen Vorteil davon, dass seine Bilder ins Netz kommen. Das dient nur dem Spaß der Eltern. Ich habe oft das Feedback bekommen, dass auf der Pampers Packung ja auch ein Baby ist, das überall zu sehen ist. Ja, aber da weiß ich den Namen nicht, das Alter nicht, den Wohnort nicht. Wenn das Kind irgendwann in die Schule kommt, erkennt niemand mehr dieses Baby. Ich habe versucht, Argumente zu finden, die dafür sprechen, Fotos der Kinder zu veröffentlichen. Außer, dass sie damit Geld verdienen ist da nichts. Und das alleine ist für mich kein Grund.

Der Fachbeitrag war der Aufmacher des Wirtschaftsteils im Focus Magazin, ist jetzt aber auch auf Focus Online zu lesen.

Wie fühlt man sich, wenn man so angegriffen wird?

Das ist super unangenehm, denn ich will ja niemanden was Böses. Ich schreibe vor allen Dingen, weil ich ein Umdenken zum Wohle der Kinder erreichen will und letztendlich auch der Mütter. Ich werfe niemanden vor, dass er es absichtlich macht und sein Kind in Gefahr bringt. Ich habe bloß das Gefühl, bei manchen muss zum Nachdenken angeregt werden. Darum geht es mir mit dem Beitrag. Ich weiß, dass ich dieses Interview von der Mami Influencerin bekommen habe, weil sie sich vielleicht eine positive Berichterstattung erhofft hat. Aber dennoch bin ich der Ansicht, es muss kritisch gesehen werden. Das ist Teil meines Berufs.

Ich habe gleichzeitig sehr viel positives Feedback bekommen. Sogar einige wenige Mütter haben mir geschrieben und haben Bilder ihres Kindes gelöscht. Dann ist mein Job natürlich getan. Es hat sich schon gelohnt, wenn nur eine Mama ein Nacktbild weniger ins Netz stellt.

Amelie, ich danke Dir recht herzlich für dieses tolle Interview und für alles, was Du mit uns geteilt hast. Wir verlinken Deinen Instagram Account in den Shownotes und natürlich auch die Beiträge über Social Media Sucht und Mami Blogger.

Die komplette Podcast Folge kannst Du Dir im Influently Podcast auf YouTube anschauen, und auf iTunes und Spotify anhören.

Shownotes:

Folge # 172

Amelie Instagram

Beitrag im Fokus Magazin

Der Dritte Weltkrieg

YouTube Interview

Die Social-Media Sucht

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Podcast prägnant zusammengefasst

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